Arsch hoch für beste Qualität!

Meine Güte! Ich bin geehrt das Editorial für diese TattooKulture schreiben zu dürfen und mich in die Reihe von Namen wie Andy Schmidt, Jörn Elsenbruch oder Andreas Coenen zu stellen. Diese Männer, Andy allen voran, haben für unsere Tattoo-Szene in mehr als 20 Jahren bereits so viel geleistet. Und dann kommt ein jungscher Spund wie ich daher, der erst seit vier Jahren aktiv in der Tattoo-Gemeinschaft  mitmischt. Eine Ehre, für die ich sehr dankbar bin – aber auch eine Herausforderung, der ich hier sehr gern versuchen möchte gerecht zu werden. Da ich für einen Tattoo-Supply arbeite, betrachte ich Manches natürlich aus einem anderen Blickwinkel als Tattoo-Fans oder Tätowierer – nichtsdestotrotz teilen wir doch alle die Liebe zur Szene. Außerdem ist mir  ganz wichtig: Ich beziehe mich im folgenden Beitrag lediglich auf meine Meinung zur großen Masse und möchte keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Weiterhin dienen einige eventuell etwas schärfer formulierte Passagen nur der Verdeutlichung und sollen somit intensivere Anregungen liefern.

Wie die Autoren vor mir, möchte auch ich das Editorial nutzen, um meine Gedanken zur „Szene“ (auch wenn dieses Wort bereits schon fast nicht mehr der korrekte Begriff ist) kund zu tun. Warum wir es beinahe nicht mehr als „Szene“ betrachten können und woran die Szene der heutigen Zeit krankt, haben Andy und Jörn in Ihren Texten wie ich finde bereits gut erläutert.

Oft wird die „Industrialisierung“ der Tattoo-Szene oder wirtschaftliches Handeln scharf kritisiert. Ich glaube viele erkennen dabei leider nicht, dass sie als Teil der Tattoo-Szene in gleichem Maße auch Teil eines Industriezweiges sind und sich den Gegebenheiten sowie Entwicklungen einer Kreativ-Wirtschaft fügen müssen. Nun mag es einige geben, die sagen, dass sie dann eben kein Teil der Szene sein wollen. Dazu hat natürlich jeder sein gutes Recht. Aber wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, geht erstens nichts voran und zweitens ist es dann erst recht keine Szene, weil der Begriff Szene (auch wenn der Duden etw. anderes hergibt) für mich auch ein Miteinander impliziert.  

Mitgestalten ist angesagt…

… und wichtiger denn je! Denn sonst werden wir alle von Behörden, Ämtern oder Unternehmen überrollt, die uns unsere Möglichkeit zur Gestaltung der Szene nehmen, die wir doch alle so lieben. Aber bei allem Engagement und Tatendrang sollte man stets den Rat derjenigen beherzigen, die bereits seit Jahren Teil der Tattoo-Gemeinschaft sind und sie maßgeblich mit aufgebaut und geprägt haben. Denn genau die haben Erfahrungen aus denen man auch für die Zukunft schöpfen kann und sollte. Aber Vorsicht: Alter geht halt nicht immer mit Erfahrung und Weisheit einher. Manchmal auch mit Rost und Verschleiß. Ich finde man sollte sich Neuem gegenüber stets offen zeigen und mit kreativen und innovativen Ideen begegnen – gleichzeitig allerdings Traditionen und Werte nicht aus den Augen verlieren. Leider bleibt das heutzutage in vielen Lebensbereichen viel zu oft auf der Strecke.

Wir müssen etwas von Innen bewirken. Und zwar alle gemeinsam. Sonst werden wir ganz schnell von Wirtschaft und Bürokratie überrollt. Denn diese Kräfte wirken auf die (Kreativ-) Wirtschaft, in der wir uns nun mal befinden. Ob wir es nun gut finden, oder nicht.

Im Folgenden möchte ich einmal versuchen aufzuzeigen, wie jeder Einzelne bereits mit Kleinigkeiten etwas Großes bewirken könnte. Dabei möchte ich nicht anmaßend erscheinen, indem ich hier Ratschläge erteile. Ich möchte einfach versuchen Anregungen zu geben. Auch wenn ich bei der Kürze dieses Textes nur an der Oberfläche kratzen kann.

Anfangen möchte ich mit den Tattoo-Fans, die sicher den Großteil der Leser dieses Magazins ausmachen. Ihr solltet Euch ausschließlich in professioneller und vor allem hygienischer Umgebung von einem Künstler seines Faches tätowieren lassen. Um dies zu erreichen fängt der Prozess bei Euch selbst an! Seid sorgfältig in der Ideenfindung Eures neuen Tattoos und in der Auswahl des richtigen Tätowierers. Das Tattoo begleitet Euch ein Leben lang und sollte nicht aus einer Laune oder einem Trend heraus entschieden werden.

Wie erkennt Ihr einen professionellen Tätowierer? Ein professioneller Tätowierer beantwortet Euch zunächst einmal alle Fragen, die Ihr auf dem Herzen habt. Sei es zum Vorgang des Tätowierens allgemein, betreffend Eures Motivwunsches oder zum Werkzeug und den Materialien, die er verwendet. Außerdem ist es stets ein gutes Zeichen, wenn der Tätowierer in einem Verein wie dem DOT oder dem Bundesverband Tattoo, Mitglied ist. Preis des Tattoos oder die Wartezeiten auf einen Termin, sollten niemals Grundlage Eurer Entscheidung für den richtigen Tätowierer sein! Wenn alle oder zumindest wesentlich mehr Tattoo-Fans eine ordnungsgemäße Sorgfalt bei der Auswahl Ihres Tätowierers walten lassen, wird die Qualität der Tattoos wesentlich steigen.

Weiter geht’s mit den Tätowierern. Wie oben bereits erwähnt gibt es auch unter den Tätowierern einige, die den alten Zeiten hinterher trauern. Denen sei gesagt: Zurückbringen wird diese niemand. Mitbestimmen und Mitgestalten hilft die kommenden Entwicklungen zu beeinflussen, damit auch Ihr Euch in der Szene der Gegenwart oder der Zukunft zuhause fühlt. Möglichkeiten gibt es jede Menge! Sei es im eigenen Studioalltag, in der Ausführung der Arbeit, der Beratung der Kunden oder in der aktiven Mitgliedschaft in einem der Vereine, die sich um die Interessen der Tätowierer und der dazugehörigen Szene einsetzen. Dazu gehören u. a. der Bundesverband Tattoo e.V. (www.bundesverband-tattoo.de), der DOT (www.dot-ev.de), der ProTattoo e.V. (www.protattoo.org) oder die UETA (www.ueta.org).

Es geht gerade ein Ruck durch unsere Szene. Mehrere Vereine, Personen und Unternehmen haben sich zum oben genannten Bundesverband zusammengetan, um zum Einen eine gebündelte Kraft gegenüber den Ämtern und Behörden, die unsere Szene regulieren, zu bilden und zum Anderen um Wissen und Erfahrung zu bündeln, um die richtigen Entscheidungen für unsere Zukunft treffen zu können.

Und ein letzter Appell an die Tätowierer: Bitte unterstützt die deutsche Tattoo-Szene indem Ihr Produkte von deutschen Herstellern kauft und/oder von deutschen etablierten Fachhändlern (Supplier) bezieht! Dies ist vielleicht nicht immer möglich. Aber dadurch würdet Ihr unter anderem diejenigen Unternehmen unterstützen, die in Deutschland mit ihrem Engagement im BVT oder den DOT daran arbeiten, Euch zu unterstützen. Des Weiteren könnt Ihr Euch bei den deutschen Supplies wesentlich sicherer sein, dass die dort verkauften Produkte der gültigen deutschen Rechtslage entsprechen, als bei den Anbietern im Ausland.

Somit kommen wir zu den Fachhändlern, den sogenannten Supplies. Hierzu möchte ich nicht zu weit in die Tiefe gehen, da dieses Magazin nicht die richtige Plattform dafür ist. Die zentrale Frage ist: Wie kann ein Supply sein Unternehmen auf die Art und Weise führen, dass es positiven Einfluss auf unsere Szene hat? Indem er bspw. die richtigen Produkte über die richtigen Vertriebswege an die richtigen Kunden verkauft. Auch dies ist sicher keine einfache Aufgabe. Aber eine Herausforderung, die man sich als verantwortungsvoller Unternehmer annehmen sollte.

Unsere Szene ist vielleicht ein Stück weit wie ein altes Segelschiff. Man erreicht den Hafen nur mit viel Erfahrung, jahrelang bewährten Werten und einer starken Mannschaft, die bei jedem Wind und Wetter beisammen steht.

Packen wir´s an!

IMG_2761Erschienen ist dieser Text als Editorial der März/April Ausgabe 2015 der Tattoo Kulture. Vielen lieben Dank geht hiermit dafür nochmals an die liebe Jessica und das gesamte Team der Tattoo Kulture! Gut, dass es Euch gibt 😉

Share:
Gordon Lickefett

Gordon Lickefett

Gebürtig aus einem kleinen Dorf des schönen Spreewaldes lebe ich derzeit in Berlin und bin 34 Jahre alt. Ich bin Geschäftsführer bei Tattoosafe (www.tattoosafe.de), TattooSoul (www.tattoosoul.de), Gründungsmitglied des Bundesverbandes Tattoo e.V. und beschäftige mich mit viel Engagement, Herz und Seele mit allen Aspekten des Tattoomarktes. Wer weiteres wissen möchte, schreibt mich einfach an.